Selfpublisher-Verband oder Volksfront von Judäa?

Das Autorenleben ist hart, doch die Rettung scheint nahe: Es formiert sich ein Verband der Selfpublisher und freien Autoren, siehe www.selfpublisher-verband.de.

Die Sache erinnert ein wenig an die Diskussion über einen Bloggerverband, die seit bald zehn Jahren immer wieder aufflammt: Eine lose Gruppe von Individualisten, die über ein relativ neues Medium publiziert und teils annimmt, gemeinsame Interessen zu haben, besonders wenn es um abstruse Abmahnungen geht. Den Bloggerverband gibt es bis heute nicht, aber vielleicht machen die Selfpublisher Nägel mit Köpfen. Was ist das Ziel?

Selbstverleger versus Schriftsteller

Es geht um die Abgrenzung von den Verlagsautoren, die im Schriftstellerverband (VS in Ver.di) organisiert sind, um eine gemeinsame Stimme im Umgang mit dem Börsenverein und um günstigere Konditionen bei Dienstleistern – vom Distributor bis zum Grafiker.

Video: Das Leben des Brian – Volksfront von Judäa und Judäische Volksfront

Zuerst einige Infos zu den genannten Verbänden: Der Verband deutscher Schriftsteller nimmt zwar keine Selfpublisher auf, sofern sie keine zusätzlichen Verlagstitel vorweisen können. Doch von diesen Hybridautoren gibt es immer mehr, sodass das Thema auch die Verlagsautoren erreicht. Und wer das Geld vor allem in der Medienbranche verdient, also auch mit Selbstverlag, kann sowieso Mitglied bei Ver.di werden – im Fachbereich Medien. Ob Selfpublishing dort ein Thema ist, hängt auch von den aktiven Mitgliedern ab.

Wer Sachbücher schreibt, könnte der dju in Ver.di beitreten, in der viele Journalisten organisiert sind. Oder den Freischreibern, einem Verein für freie Journalisten, den die Website zum Selfpublisher-Verband als Vorbild nennt, oder einer anderen schon bestehenden Organisation wie den Bücherfrauen oder Webgrrls. Denn was habe ich als Sachbuchautorin mit Leuten gemeinsam, die für 99 Cent Liebesromane verkaufen oder Vampirgeschichten bei Amazon verschenken?

Mit Amazon und Preisaktionen zum Erfolg?

Interessant wäre eine Selbstverpflichtung gegen Preisdumping: Ein Netzwerk, dessen Mitglieder vollwertige E-Books nicht verschenken oder billig verschleudern. Aber wenn das nicht mit konkreten Vorteilen verbunden ist, dürfte es schwierig umzusetzen sein – der Wunsch gelesen zu werden ist im Zweifel stärker. Derzeit scheinen Preissenkungen und Gratis-Aktionen die wichtigsten Marketing-Instrumente zu sein: Man kennt es nicht anders und macht halt das, was XTME anbietet und andere auch machen. Aber diese Unterbietungs-Wettbewerbe schaden nicht nur den Verlagen, deren teure Titel oft zuerst verdrängt werden, sondern irgendwann auch den Selfpublishern.

Amazon als wichtigster Player der Buchbranche ist auf der Website des angedachten Selbstverleger-Verbands gar nicht genannt und wird auch in den Kommentaren nur am Rand erwähnt. Entweder ahnt man, dass man sowieso zu klein sein wird, um mit Amazon zu verhandeln, oder man geht zuversichtlich davon aus, dass Amazon weiterhin die gewohnten sexy Konditionen bieten wird. Die sind es nämlich, auf denen das momentane Selbstbewusstsein der Selbstverleger basiert.

70 Prozent Tantiemen bei Amazon – wie lange noch?

Doch für Amazon sind wir Selfpublisher nur Mittel zum Zweck, und der heißt: Buchhändler und Verlage unter Druck setzen und Marktanteile vergrößern. Eines Tages wird Amazon auch im Selfpublishing die Tantiemen für E-Books massiv reduzieren. Bei manchen Verlagen testet man das bereits aus – 50 statt 70 Prozent. Und dann?

Dann wären wir nicht mehr Amazons Goldkinder, sondern säßen plötzlich im selben Boot wie manche Verlage und deren Autoren, von denen wir uns eben noch so cool abgegrenzt hatten. Selfpublisher, die sich auf den Goldkind-Status verlassen hatten, bräuchten womöglich Leidensfähigkeit und Bescheidenheit oder eine fertige Exit-Strategie.

Ob ein Verband dabei helfen könnte? Falls Leute im Vorstand wären, die selbst Vorträge und diverse Dienste für den Erfolg bei Amazon anbieten, weil halt sie es sind, die sich auszukennen scheinen, bekämen wir vielleicht mehr Durchhalteparolen zu hören als gemeinsam an Alternativen zu arbeiten. Doch letzten Endes ist Amazons Umgang mit uns und unser Umgang mit der Abhängigkeit von Amazon entscheidender für unseren Erfolg als Grafikern die Preise zu drücken – das tun genug andere Plattformen im Übermaß.

Bearbeitungsstand: 22.9. um 17:30 Uhr

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