Copy and Paste: Kopie als Kulturtechnik?

Unter diesem Motto fand gestern abend eine Podiumsdiskussion an der Münchner Uni statt. Es referierten und diskutierten Dirk von Gehlen (Redakteur bei Jetzt.de und Autor von „Mashup. Lob der Kopie“), Adrian Kreye (Feuilletonchef der Süddeutschen) und Prof. Dr. Volker Rieble (Jurist, LMU).

Dirk von Gehlen gebrauchte den Begriff der Kopie anfangs im historischen Sinn, also für die handwerklich erzeugte Kopie, und daran anschließend für Mashups im Internet, bei denen das Material anderer Urheber neu kombiniert wird, um etwas Eigenständiges auszudrücken. Solche Kopien nannte er wegen der kreativen Eigenleistung oder Schöpfungshöhe eine „lobenswerte Kopie“. Die digitale Eins-zu-Eins-Kopie bezeichnete er teilweise als „Klon“. Das Kopieren von Daten für andere, die sie auch gerne nutzen möchten, lobte er dafür, dass dem Geber dabei nichts verloren geht. (Man könnte es auch anders sagen: Gut sein war noch nie so billig wie heute.) An irgendeiner Stelle wurde sein Lob des Teilens mit einem Motiv von „Brot für die Welt“ illustriert, was mir viel zu moralisierend war. Ich war schließlich froh, als der allzu fluffige Vortrag zuende war und sich der berufsbedingt nüchterne Jurist zu Wort meldete, wenn auch mit eher konservativen Positionen.

Volker Rieble verwies kurz darauf, dass die gelobte Schöpfungshöhe juristisch nicht leicht zu definieren ist. Was das Kopieren angeht, so hat er als Dozent den Eindruck, dass viele Jurastudenten nicht mehr selbst schreiben können und ihre Arbeiten eher aus umgeschriebenen Texten anderer Verfasser zusammenstoppeln. Hier warf Adrian Kreye die Frage ein, ob das nicht eher ein Bildungsproblem oder eine Folge des Drucks der Bachelor-Studiengänge sei, worauf Rieble entgegnete, Jura sei nach wie vor kein Bachelor-Fach. Ein wichtiger Punkt für Rieble war, dass eine Publikation eine Beziehung oder eine Kommunikation zwischen Autor und Leser schafft, in die der Kopist mit einem Scheinoriginal unzulässig eingreift. Als Beispiel dienten ihm die Google Books und deren minderwertige Print-Versionen. Er möchte dagegen selbst bestimmen, auf welche Weise und in welchem Umfeld er publiziert, also auch nicht neben unangemessener Werbung, nicht für Scientology und auch nicht für die Zeit, weil das „keine Qualitätszeitung“ sei (gemeint war wohl Zeit Online).

Rieble kritiserte von Gehlen dafür, dass er das Übliche zum Maßstab erhebe, doch so eine „Gefühlsvolksabstimmung“ sei für einen Juristen kein Kriterium. Dirk von Gehlen ärgerte sich andererseits doch darüber, dass manche Menschen im Internet mittels Anonymisierung völlig am Gesetz vorbei gehen, nur weil es technisch möglich ist, und sprach sich für eine Kulturflatrate aus. Dass es noch keine solide Lösung für die digitale Welt gibt, räumte er durchaus ein.

Nachdem Dirk von Gehlen behauptet hatte, große Konzerne wie Amazon seien dafür verantwortlich, dass man E-Books nicht frei kopieren kann, erwähnte ich in der anschließenden Diskussion, dass Digital Rights Management (DRM) bei Amazon optional ist. Sein E-Book sei dennoch mit DRM erschienen, weil das bei Suhrkamp nicht verhandelbar war, so von Gehlen. Er fand diesen Kompromiss nötig, um das Thema in eine breitere Diskussion zu bringen. Eine direkte Folge des Buchs sei seine Berufung in eine Expertenkommission. Daran schloss er die Bemerkung an, Verlage werden in Zukunft vor allem die Aufgabe haben zu entscheiden, wer oder was wichtig ist, was ja eine recht traditionelle Sicht der Dinge ist.

Links:
Amazon.de: Mashup: Lob der Kopie (edition suhrkamp)
Forschungsmafia.de: Volker Rieble: Das Wissenschaftsplagiat (Rezension)
Ulf Froitzheim: Fair-Irrung: Die Kultur-Flatrate

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